In der Krise in der Krise

Tja, zu früh gefreut. Da kam sie doch noch: die Krise. Ist doch scheiße. Warum? Keine Ahnung. Naja, vielleicht ein bisschen. Zur allgemeinen Lage hat sich noch Stress in der Arbeit gesellt, vielleicht auch ein bisschen Stress in der Beziehung zum Angsthasenmutmacher.

Problem ist: Vieles weiß ich nicht mehr. Weil mal wieder ein Haufen Medis, in erster Linie Benzodiazepine mit von der Partie waren. Insgesamt war ich also seit Ende April 3mal in der Psychiatrie. Und das weiß ich auch nur, weil ich es in Entlassungsbriefen und meinen eigenen Einträgen auf Instagram gelesen habe. Fuck.

Das erste Mal hat der Angsthasen-Mutmacher nach einem Besuch in der Notaufnahme die Polizei gerufen, weil ich vollends ausgeflippt bin.

Das zweite Mal kam ich nach einer Medikamentenüberdosis im Anschluss an eine Nacht auf der Intensivstation in die Klinik.

Das dritte Mal war ich wegen Selbstverletzung in der Notaufnahme und kam von dort aus in die Psychiatrie.

An alle 3 Situationen kann ich mich nur dunkel erinnern. In diesem Fall ist die Medikamenten-Amnesie ein kleiner Segen wenn ich ehrlich bin. Natürlich bin ich auch mal wieder um einen Benzo-Entzug nicht drum rum gekommen. Und weil das alleine nicht reicht, hab ich vor etwa 4 Wochen beschlossen, das Fluctin abzusetzen. Von jetzt auf gleich versteht sich.

Hinter mir liegen Wochen vollgestopft mit Suizidgedanken, Essstörung, Selbstverletzung, Selbsthass, Depression, Panikattacken, extremen Schlafstörungen, Entzugserscheinungen und so gut wie allem negativen Emotionskram den man sich so vorstellen kann. Scheiße.

Währenddessen ist auch noch mein Opa verstorben. Meine Eltern kommunizieren nur noch über uns und den Anwalt miteinander. In der Beziehung zum Angsthasenmutmacher lief es auch alles andere als rund. Viele Sachen, die nicht gerade zum Glücklich-sein beitragen.

Jetzt sitze ich also hier, starre fassungslos auf das Schlachtfeld der letzten Wochen, kämpfe mit den letzten Resten des Entzugs, sowohl vom Fluctin als auch von den Benzos. Und was soll ich sagen: Im Moment geht es mir gut. Klingt vielleicht etwas irrwitzig wenn man den Text bis hierhin gelesen hat, ist aber so.

Ich bin jetzt offiziell Rentnerin. Mit Rentenausweis. Vollkommen erwerbsunfähig. Worum andere erbittert kämpfen müssen, wurde bei mir ohne „Begutachtung“ geschlossen. Corona sei Dank. Die Begutachtung fiel wegen Corona ins Wasser. Darum hat man jetzt beschlossen, dass ich zu krank bin um zu arbeiten. Das klingt jetzt ein wenig trotzig und ist es auch. Einerseits bin ich zwar froh, dass ich wenigstens finanziell halbwegs abgesichert bin und mir da grad keine Gedanken machen muss. Andererseits schlägt es mir auch extrem auf‘s Selbstwertgefühl.

Dank Corona kam ich übrigens zudem in den Genuss eines Nase-Rachen-Abstrichs… Sehr unangenehme Angelegenheit kann ich euch sagen. Beide Tests fielen negativ aus.

Ich hoffe, euch geht es gut und ihr seid alle gesund geblieben.

Liebe Grüße,
die Angsthäsin

In der Krise durch die Krise ohne Krise

Oder so. Ich hab’s geschaftt. Glaub ich. Ich habe in der (Corona) Krise, meine persönliche Krise ohne Krise überstanden. Soll heißen, ich habe mich nicht geschnitten, keine Überdosis Medikamente genommen und war nicht in der Psychiatrie. Ja, ich bin sogar ein kleines bisschen stolz.

Ein paar mal war’s kritisch, ein paar mal wollte ich… Wollte mich mit Medis zudröhnen, wollte mich schneiden, wollte bzw. hab nach Rasierklingen gesucht und – weil ich keine gefunden habe – sogar welche bei Amazon bestellt. Der Angsthasenmutmacher hat die Bestellung aber abgefangen. Und verwaltet auch die Medikamente. Wenns mir schlecht geht und ich so unter Druck stehe, hasse ich das. Ich hasse es, dass er die Medikamente und die Rasierklingen hat und sich mir nicht gibt. Ich hasse es, nicht das machen zu können was mir vorschwebt und wonach in solchen Momenten alles in mir schreit. Aber im Grunde bin ich froh, dass jemand auf mich aufpasst.

Ich war zu nicht viel in der Lage. Hab’s nicht geschafft zu arbeiten, meine Kreativität war gleich null. Phasenweise hab ich so viel Benzos genommen wie ich dem Angsthasenmutmacher abschwatzen konnte, hab jeden Tag Alkohol getrunken, manchmal zu viel getrunken und phasenweise war auch die Essstörung ziemlich laut.

Aber: Ich habe jeden Morgen meditiert. Versucht so gut es geht achtsam zu sein und Selbstfürsorge zu betreiben. Ich war laufen. Und mein Top-Skill der vergangenen Wochen: Gärtnern.

Wir haben den halben Garten umgegraben und ganz viele Pflanzen von unseren Nachbarn adoptiert, weil die planen ihr Haus abzureißen und alles neu zu machen. Ich hab alle möglichen Samen gesät, mich um die Pflanzen gekümmert und ihnen beim Wachsen zugesehen. Das Gärtnern hat mir enorm geholfen. Es hat mich abgelenkt, mich beschäftigt und mir Freude bereitet.

Langsam habe ich das Gefühl, die Krise tatsächlich überwunden zu haben. Ich arbeite wieder, sprudle aktuell über vor Ideen, bin dabei meinen Alkoholkonsum runterzufahren und auch die letzte Benzo liegt jetzt schon über eine Woche zurück. Die Essstörung ist immer noch ziemlich vorlaut. Aber ich esse und habe Normalgewicht, also halb so wild.

Von meiner Krise jetzt noch schnell zu einer anderen Krise. Zur Corona-Krise. Das Thema hat in den letzten Wochen bei uns allen so viel Raum eingenommen (und tut es immer noch), dass ich auch dazu noch etwas schreiben will.

Corona hat mir anfangs ziemliche Angst gemacht. Also, ich hatte keine Angst mich anzustecken. Aber ich hatte Angst, dass meine Mutter es bekommt. Sie gehört leider zur Risikogruppe. Ich hab mir Sorgen um die Welt und die Gesellschaft gemacht. Die Sorgen sind nach wie vor da, aber mit weniger Angst und Panik verbunden.

Die Ausgangsbeschränkung stört mich nicht wirklich. Manchmal vielleicht ein bisschen. Aber in erster Linie empfinde ich es tatsächlich oft als Erleichterung. Soziale Kontakte sind in meiner Angsthasen-Welt oft mit viel Anspannung und Überwindung verbunden und kosten mich ziemlich viel Energie. Diese Energie konnte ich jetzt ohne schlechtes Gewissen in die Überwindung meiner persönlichen Krise investieren. Nur meine Großeltern ist es eine enorm schwierige Zeit. Mein Opa ist schwerstbehindert und lebt im Pflegeheim. Meine Oma hat ihn vor Corona jeden Tag abgeholt und mit in die gemeinsame Wohnung genommen. Jetzt geht das nicht mehr. Mit meiner Oma kann ich telefonieren. Mit meinem Opa gestaltet sich das eher schwierig.

Ich war und bin auch ziemlich dankbar. Dankbar für alle Menschen, welche – wie heißt es so schön – den Laden am Laufen halten. Und für unseren Sozialstaat und unser Gesundheitssystem. Auch wenn es dort viele Baustellen gibt über die ich mich in anderen Zeiten oft aufrege. Trotzdem geht’s uns im Vergleich zu anderen Ländern schon ziemlich gut. Der Angsthasenmutmacher und ich haben sogar Geld für unser Unternehmen bekommen, weil’s natürlich gerade kaum möglich ist, mit Fotografie Geld zu verdienen. Und das ging so schnell und unbürokratisch, ich hätte nie gedacht dass das möglich ist.

Für meine persönliche Situation bin ich ebenfalls dankbar. Wir haben einen großen Garten, wohnen direkt am Wald. Ich bin nicht alleine, hab meine Mama, den Angsthasenmutmacher und die Tiere.

Ich weiß, dass ich mich gerade – im Gegensatz zu vielen anderen – in einer sehr privilegierten Situation befinde. Viele Menschen kämpfen um ihre Existenz, müssen sich um ihre Kids kümmern, sitzen in der Wohnung fest und fühlen sich eingesperrt, sind alleine…

Ich wünsche jedem, der gerade kämpfen muss, viel Kraft und Durchhaltevermögen!

Bleibt gesund!

Liebe Grüße,
die Angsthäsin





Ist es okay?

Ist es okay, einfach mal nichts zu machen? Ist es okay, einen Dienstag im Bett mit einem Hörbuch zu verbringen? Ist es okay, mich meiner Kraftlosigkeit zu ergeben?

Das frage ich mich gerade. Und finde keine wirklich befriedigende Antwort. Ich fühle mich kraftlos und müde, habe keine Motivation und keine Energie. Die letzten Wochen waren anstrengend, letzte Woche ganz besonders. Das Alles hat mich viel Kraft und Energie gekostet. Ich weiß das. Trotzdem fällt es mir schwer, mir einzugestehen, dass meine Akkus gerade leer sind. Immer wieder drängt sich der Gedanke auf: „Du bist faul, schwach, minderwertig“ Wenn ich stark wäre, würde ich trotzdem weitermachen, arbeiten, die Dinge erledigen, die ich mir vorgenommen habe. Oder nicht?

Was mich etwas davon abhält, mich dazu zu zwingen, einfach weiterzumachen (und mich zu hassen wenn ich es nicht tue), ist die Tatsache, dass es mich in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen schon öfters komplett zerlegt hat. Auch da waren meine Akkus leer, aber ich hab das Gefühl (und die damit einhergehenden Warnzeichen) gekonnt ignoriert. Und aus ein, zwei Tagen „nichts auf die Reihe kriegen“, wurden dann mindestens 1, 2 Monate. Mein Kopf versucht mir zwar auch hier einzureden: „So ein Quatsch, die letzten Male war das einfach ein dummer Zufall und ganz anders.“ Aber naja, ich zweifel daran, dass diesmal alles „ganz anders“ ist.

Mein größtes Ziel: Ein Leben ohne hässliche Psychiatrie-Aufenthalte, krasse Selbstverletzung, Suizidgedanken und Benzodiazepinentzügen.

Und Vorsicht ist in dem Fall bestimmt besser als Nachsicht.

Trotzdem hätte ich gerne jemanden, der mich sagt, ob es okay ist. Der Angsthasenmutmacher sagt: Ja, es ist okay. Aber er hat mich auch einfach sehr lieb und hat große Angst um mich. Ich würde gerne von einem Fachmann wissen ob es die richtige Entscheidung ist, heute nicht mit zum Shooting zu gehen und mich stattdessen mit einen Hörbuch in’s Bett zu legen. Oder ob ich lieber weiter aktiv gegen diese Kraft- und Motivationslosigkeit ankämpfen sollte. Es ist immer so eine Gratwanderung. Und nie bin ich mir sicher, ob es gut ist, das Gefühle zu akzeptieren und danach zu handeln oder ob es besser wäre gegen das Gefühl anzukämpfen. Weil immer nur auf das Gefühl zu hören, sich nie zu überwinden, ist genauso beschissen, wie ständig seine Gefühle zu ignorieren. Meistens weiß ich einfach nicht, was angebracht ist und wo meine Grenzen sind. Vielleicht gibt’s dafür auch keine Patentlösung.

Ich gebe mir jetzt 1, 2 Tage. Und versuche mich zu erholen. Ohne dabei Selbsthass zu schieben. Danach sehe ich weiter…

Alarmstufe dunkelgelb

Oder so. Die letzte Woche war beschissen. Nachdem ich kurzzeitig das Gefühl hatte, dass es langsam wieder berg-auf geht – genauer gesagt war es der Sonntagvormittag – ging’s gleich darauf wieder steil berg-ab.

Diesmal nicht „homemade“, sondern es kam eine schlechte Nachricht von außen. Eine Nachricht, mit der ich nur sehr schwer umgehen kann. Ich würde auf der einen Seite gern sagen, was diese Nachricht beinhaltet hat, auf der anderen Seite… Ach warum eigentlich nicht, ich hab mich ja zu radikaler Ehrlichkeit verpflichtet. Mein Vater trennt sich von meiner Mutter. Mal wieder. Gestern ist er ausgezogen. Mal wieder. Vielleicht könnt ihr’s erahnen: Zu diesem ganzen Thema gibt’s eine lange, lange Vorgeschichte.

Fakt ist, es ist ein Thema mit dem ich nur sehr schwer umgehen kann. Am meisten macht mir daran wohl der Schmerz meiner Mama zu schaffen. Ihr müsst wissen, wir haben eine sehr enge Bindung. Vielleicht sogar ungesund eng, ich weiß es nicht. Fakt ist auch, wir leben zusammen. Nicht in einem Haus, aber auf einem Grundstück. Es ist also alles sehr nah. Ich bin dankbar, dass es so ist. Meine Familie ist mir das Wichtigste. Ich kann da sein, ich kann helfen. Gleichzeitig wünsch ich mich manchmal ganz weit weg. Weil es auch furchtbar anstrengend ist. Weil ich das Gefühl habe, nicht nur Verantwortung für mein eigenes seelisches Wohlbefinden zu haben, sondern auch für das meiner Mutter.

Zu meinem Vater hatte ich in den letzten Jahren ebenfalls eine gute Beziehung. Nie so eng wie zu meiner Mutter. Was wohl auch daran lag, dass wir große Schwierigkeiten hatten. Früher. Aber irgendwie habe ich es geschafft, damit meinen Frieden zu machen und ihm zu verzeihen.

Der Beziehungskonflikt zwischen meinen Eltern hat mich jetzt schon einige Male an den Rand meiner Kräfte gebracht. Es war zu viel, ich hab’s nicht mehr ausgehalten und mir ist die Sicherung rausgeflogen. System überlastet. Und ich habe Angst, dass das wieder passiert.

Ich tu mein Bestes. Ich meditiere, gehe laufen, gehe mit dem Hund raus, versuche mich in Nachsicht mit mir selbst zu üben, versuche gleichzeitig mich nicht von den negativen Gefühlen davonspülen zu lassen und meinen Alltag aufrecht zu erhalten.

Trotzdem nagt es an mir. Ich tu mich schwer mit dem Essen. Trinke jeden Abend Alkohol. Nicht maßlos und bis zur Besinnungslosigkeit, aber auch nicht aus Freude & Wohlgefühl heraus, sondern um Gefühle zu betäuben, die Leere zu füllen. Ich hätte Bock, mir Benzos einzuschmeißen und mich einfach in’s Bett zu legen. Und ich weiß, das alles sind Warnzeichen.

Der Angsthasen-Mutmacher, mein Freund, ist seit meiner letzten Krise (inkl. Medikamentenüberdosis) der Hüter der Medikamente. Ich habe also keinen Zugriff darauf und wenn ich eine Benzo haben will, muss ich ihn fragen. Andere Medikamente liegen nicht frei zugänglich rum. Und auch Rasierklingen sind keine im Haus. Das ist gut, weil bei allen meinen Abstürzen Medikamente und/oder Selbstverletzung eine große Rolle gespielt haben. Nie wirklich geplant, sondern aus einem Impuls, einem Gefühl heraus, so dass ich mich hinterher immer gefragt habe: Was zur Hölle hat mich da geritten? Ich wollte helfen, ich wollte stark sein, ich wollte da sein. Das Letzte was ich meiner Mama (noch zusätzlich) antun wollte war, dass sie sich Sorgen um mich macht weil ich in irgendeiner Intensivstation und/oder in der Psychiatrie rumliege. Oh, ich schäme mich so dafür. Diesmal darf das einfach nicht passieren.

Leider gibt es auch keinen Ort, keine Psychiatrie, in die ich freiwillig gehen würde, wenn alles über mir zusammenbricht. So einen Ort wünsche ich mir manchmal.

Meine Gefühle wechseln zwischen Wut, Angst, Trauer und Leere.
Am meisten hilft mir zur Zeit das Wissen, dass der Frühling kommt. Ich freue mich darauf, im Garten zu arbeiten, Gemüse, Blumen, Büsche zu pflanzen, ihnen beim Wachsen zuzusehen, mich um sie zu kümmern. Ich möchte den Frühling nicht in irgendwelchen düsteren Parallelwelten verbringen. Ich möchte für meine Mama da sein. Ich möchte stark sein.

Come as you are

Es ist „Eating Disorders Awareness Week“ Habe ich auf Instagram gelesen.
Das Motto: Come as you are! Hindsight is 2020. Reflektiere die positiven Schritte, – trotz Rückschläge und Schwierigkeiten – die du gemacht hast, um dich selbst und andere zu akzeptieren.

Nachsicht mit mir selbst… Eine extrem schwierige Angelegenheit. Also eigentlich ein passendes Motto für 2020. Weil da muss ich noch einiges lernen. Mich selbst akzeptieren…. Eine ebenso schwierige Angelegenheit. Weil da muss ich auch noch einiges lernen. Ich habe das Gefühl, dieses „mich selbst akzeptieren“ ist eine meiner größten Baustellen.

Die Essstörung und ich. Wir haben uns nicht im Griff. Sie hat mich nicht (mehr) im Griff. Ich habe sie (noch) nicht im Griff. Es ist ein ständiges Kräftemessen, mal gewinne ich, mal sie. Es gibt Zeiten, da hat sie die Zügel in der Hand, es gibt Zeiten, da habe ich die Zügel in der Hand.

Als Kind war ich stark übergewichtig. Danach war ich die meiste Zeit untergewichtig. Momentan ist mein Gewicht im Normalbereich. Gedanken über Essen & Gewicht waren immer ein Teil meines Lebens. Aber doch eher ein „Nebenschauplatz“.

Mit 23 hatte ich meine schlimmste Phase was die Essstörung betrifft. Mein Leben bestand nur noch aus Zahlen, Kalorien, Sport, Gewicht, Essen und Nicht-Essen. Essen war das Größte und Schrecklichste zugleich. Ich habe Kochbücher gelesen wie Romane. Habe alles gewogen. Mich. Ständig. Und alles was ich gegessen. Habe gezählt, gerechnet, gezählt, gerechnet. Da war nicht mehr viel Platz für andere Dinge in meinem Kopf. Und genau das hat die Anorexie (und wahrscheinlich auch für viele andere) so verlockend gemacht. Die eigene Welt engt sich so sehr ein. Und das ist deprimierend und befreiend zugleich. Man denkt über „nichts“ mehr anderes nach. Nur noch über das Essen und Nicht-Essen, man hat eine „Aufgabe“, ein „Ziel“. Nichts hat mehr Gewicht. Außer das Gewicht. Außer die Zahl auf der Waage.

Während dieser anorektischen Phase habe ich auch die Bulimie kennengelernt. Und irgendwann angefangen mir „Fresstage zu gönnen“. Tage, an denen ich alles gegessen habe, was ich mir sonst verboten hatteUnd habe mir „Fresstage gegönnt“. Um danach zu erbrechen. Leider bzw. zum Glück war ich nie „Meisterin im Kotzen“ und oft bin ich auf den Kalorien sitzen geblieben. Diese Stunden über der Kloschüssel, literweise Wasser trinken, das Gefühl, dass mein Magen gleich explodiert, der Ekel, die Panik die Kalorien nicht rechtzeitig loszuwerden…… Es war ein Albtraum.

Eines Abends, nach so einem geplanten „Fresstag“, saß ich mit prallgefüllten Magen auf dem Rand der Badewanne, das Kotzen hat nicht funktionieret…. Und ich hab mich so unfassbar elend gefühlt. Das war der Zeitpunkt, an dem ich den Entschluss fasste, dem ganzen ein Ende zu setzen. Ich saß vielleicht noch nicht so tief in der Falle wie andere Menschen und hatte noch die Möglichkeit mich wieder rauszukämpfen.

Auch heute ist mir die Zahl auf der Waage nie egal. Ich fühle mich unwohl mit Normalgewicht. Aber in meinem Kopf und in meinem Leben ist auch Platz für andere Dinge. Die Essstörung ist ein Teil davon. Aber eben nur ein kleiner Teil. Und nicht mein Leben.

Ich bin aufgewacht aus diesem Albtraum. . Viele andere sind darin gefangen. Und es tut mir leid. Weil es ist schlimm. Und deswegen ist es so wichtig, darüber zu sprechen. Es ist wichtig, diese Krankheit ernst zu nehmen und sie nicht herunterzuspielen. Als„Diät“ die man jederzeit beenden kann, als einen Spleen von Menschen die zu viel Germany‘s next Topmodel gesehen… Die Wahrnehmung dieser Krankheit in der Gesellschaft ist teilweise immer noch drastisch verzerrt.

Manche Menschen sterben daran. Und die, die nicht daran sterben, die hindert die Essstörung am Leben.

An alle die kämpfen: Ich wünsche euch alle Kraft und allen Mut dieser Welt, damit ihr stärker sein könnt als die Essstörung! Ihr seid es wert!

Liebe Grüße,
die Angsthäsin

Wer suchet der findet

Oder auch nicht.

Es gibt einige Dinge auf dieser Welt, die ich sehr, sehr frustrierend finde. Die Suche nach einem Therapie-Platz gehört auf jeden Fall dazu.

6 Leute angerufen. 6 Absagen kassiert. Es ist mir nicht mal gelungen, meinen Namen auf irgendeiner Warteliste zu platzieren. Manche Therapeut*innen schreiben schon gleich auf ihrer Homepage, dass sie aktuell keine Therapieplätze anbieten können. Bei einem Telefonat heute wurde mir ein Institut empfohlen. Ein hoffnungsvoller Blick auf die Homepage: „Momentan können wir weder Termine zu einem Erstgespräch noch einen Therapieplatz anbieten.“ Das war’s dann mit der Hoffnung.

Ich hab’s ja schon mal erwähnt: Es kostet mich jedesmal Kraft und ist eine enorme Überwindung irgendwo anzurufen. Und jedesmal eine Absage zu kassieren kostet noch mehr Kraft. Zum Glück unterstützt mich mein Freund, der Angsthasenmutmacher, ohne ihn hätte ich schon längst aufgegeben. Er übernimmt auch teilweise die Anrufe für mich. Ja, ist peinlich und ziemlich unselbstständig. Aber lieber peinlich und unselbstständig einen Therapieplatz finden, als gar nicht. Und zum Glück bin ich aktuell einigermaßen stabil, sonst wäre der Schuss längst nach hinten losgeganen. In meinem Kopf melden sich abwechselnd diverse „Stimmen“. Die Trotzige, die sagt: „Dann halt nicht…“ Die Verzweifelte, die sagt: „Keiner kann mir helfen…“ Die Hoffnungslose, die sagt: „Ich finde nie einen Platz…“ Die Wütende, die sagt: „Scheiß Gesundheitssystem…“ Die Resignierte, die sagt: „Lass es einfach…“

Und selbst wenn das Wunder eintritt und ich irgendjemanden finden, der einen Platz hat… Heißt das noch lange nicht, dass wir „zusammen passen“. Einen kompetenten, passenden Therapeutin zu finden fühlt sich für mich gerade wie ein 6er im Lotto an. Gewinnwahrscheinlichkeit 1:15 Millionen oder so.

Es ist wirklich eine dramatische Situation. Nicht nur für mich, auch für Millionen andere Menschen, die sich mit psychischen Krankheiten herumschlagen und vielleicht gerne Hilfe hätten. Es ist so schwer einen Platz zu finden.

Ich mache jetzt einfach mal weiter. Morgen hat mein „Wunschtherapeut“ telefonische Sprechstunde. Bei ihm gibt es Hunde in der Praxis. Das wär‘ genau mein Ding. (Ob der Mensch passen würde weiß ich natürlich nicht, aber Tiere sind schon mal ein großer Pluspunkt). Auf meiner Liste stehen noch ca. 15 Therapeut*innen. Wenn ich die durch habe, kann ich auch nochmal suchen. Wenn ich dann immer noch keinen Platz gefunden habe… Dann weiß ich auch nicht. Dann bleib ich ohne Therapie. Oder versuch es doch mal mit einer Tagesklinik. Eigentlich wäre es mein Ziel (ambulant) DBT* zu machen, aber dafür muss man eine Einzeltherapie haben.

Im Dezember letzten Jahres hatte ich ein „Vorstellungsgespräch“ für eine stationäre DBT. Aber zu dem Zeitpunkt war ich zu instabil. Und der Herr meinte, ich müsste erst mein Probleme mit dem Essen und den Benzodiazepinen in den Griff kriegen. Hab ich mittlerweile. Aber mittlerweile sperrt sich wieder alles in mir gegen einen stationären Aufenthalt. Ich fühle mich mittlerweile auch wieder „zu gesund“ dazu. Irgendwie bin oft zur falschen Zeit am falschen Ort.

Um den Eintrag mit etwas Positiven zu beenden: Ich hab’s geschafft, bei einer Frauenärztin anzurufen und habe auch gleich einen Termin bekommen (wenn das bei einer Psychotherapie nur auch so unkompliziert laufen würde). Gestern war ich also dort. Mein Angsthasenmutmacher war dabei und ich hab die doppelte Dosis Bedarfsmedis eingeschmissen – aber hey, ich war dort. Hab‘ sogar einen Ultraschall machen lassen und auf dem ersten Blick ist alles gut. Kein Krebs. Das Ergebnis des Abstrichs bekomme ich in ca. 3 Wochen. Aber meine „Krebsangst“ ist so gut wie weg, das ist schön. Ich hab‘ mir fest vorgenommen, ab jetzt jedes Jahr zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen!

Liebe Grüße,
die Angsthäsin


* Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT, auch dialektische Verhaltenstherapie) ist eine Psychotherapieform zur Behandlung von Patienten, die zur Selbstgefährdung oder Fremdgefährdung neigen, und kommt oft im Rahmen der Behandlung der Borderline-Persönlichkeitsstörung zum Einsatz. Die von der amerikanischen Psychologin Marsha M. Linehan in den 1980er Jahren entwickelte DBT basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie, umfasst aber auch Elemente anderer Therapierichtungen sowie fernöstliche Meditationstechniken.
Quelle: wikipedia.de

War ja klar…

… dass ich schon wieder zweifel, ob es sinnvoll ist diesen Blog zu schreiben. Fühlt sich an, als hätte ich nur Matsch in der Birne.

Mein Selbstwertgefühl ist im Keller. Eigentlich wollte ich heute 2 Dinge erledigen: Mir eine Frauenärztin suchen und einen Termin ausmachen. Und meine alte Schule anschreiben, da ich dringend mein Abschlusszeugnis benötige. Finde ich nicht mehr. Und ich brauche es jetzt. Für meinen Rentenantrag. Zeugnis anfordern klingt easy, kann als Angsthäsin aber zur Mammutaufgabe werden. Ich hab’s nicht hingekriegt. Beides nicht. Morgen neuer Versuch.

Der Rentenantrag. Tut meinem Selbstwertgefühl auch nicht gut. „Nur wer etwas leistet, ist ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.“ Einen Satz den ich so nie unterschreiben würde. Aber der doch ganz tief in meiner Gefühlswelt verankert ist. Ich fühle mich minderwertig. Ständig vergleiche ich mich mit anderen Menschen. Schöner, besser, jünger, produktiver, erfolgreicher, kreativer, gesünder… Die Liste kann man mit beliebig vielen positiv-besetzten Adjektiven fortgeführt werden. Ich weiß, wie sehr diese Vergleiche meine Stimmung und mein Selbstwertgefühl nach unten manövrieren. Und doch tappe ich immer und immer wieder in diese Falle. Okay, Schluss damit, zurück zum Rentenantrag.

Der Rentenantrag war nicht meine Idee. Ich „musste“ ihn stellen. Nach einer heftigen Krise im Frühjahr letzten Jahres war ich beim Jobcenter. Um Hartz4 zu beantragen. Es war nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich das machen musste. Aber diesmal war ich ehrlich. Und habe von meiner Krankheit erzählt. Ich wurde als nicht-arbeitsfähig eingestuft. Vorübergehend. Voraussichtlich länger als 6 Monate. Dadurch ist das Jobcenter nicht mehr für mich zuständig. Sondern die Rentenversicherung. Und/oder das Sozialamt.

Mein Partner und ich sind selbstständig. Oder besser: Wir versuchen eine Selbstständigkeit aufzubauen. Denn immer wenn es in der Vergangenheit aufwärts ging, hab‘ ich’s mit dem Arsch wieder eingerissen. Psychiatrie, Benzoentzug, wieder alles auf Anfang. Und auch mein Partner, der Angsthasenmutmacher, musste erst mal lernen mit meiner Krankheit umzugehen. Also da mein Ausnahmezustand auch Ausnahmezustand für meinen Partner war, hieß eine Krise – und von denen gab es in den letzten Jahren einige – fast immer einen Total-Verdienstausfall. Das hieß auch oft: Hartz4 und/oder am Existensminimum rumkrebsen. Meine Eltern haben uns immer unterstützt. Ohne ihre Hilfe wäre es oft nicht gegangen. Oh Mann, es ist mir echt unangenehm das zu schreiben. (Und das Krasse ist, ich müsste das eigentlich gar nicht machen bzw. schreiben. Zwingt mich ja niemand dazu. Aber ich habe mich selbst zu schonungsloser Ehrlichkeit verpflichtet.)

Irgendwie war/ist das Ganze ein beschissener Teufelskreis. Geldsorgen und Hartz4 sind Gift für mein Selbstwertgefühl. Was dazu geführt hat, dass ich, sobald es mir besser ging, mich kopfüber in die Arbeit gestürzt habe, um den „Ausfall“ zu kompensieren und um mein Selbstwertgefühl wieder aufzupolieren. Was zur Folge hatte, dass ich mich kaum mehr um mich und meine Gesundheit gekümmert habe, was mich wiederum anfällig für die nächste Krise gemacht hat. Immer wieder habe ich die gleiche „Taktik“ angewendet, immer hat sich dich das gleiche Muster abgespielt und immer bin ich damit auf die Fresse gefallen. Das zu erkennen, es mir einzugestehen und nach Handlungsalternativen zu suchen hat jetzt einige Jahre in Anspruch genommen. Nach jeder Krise habe ich mir gedacht: „Das passiert mir nie wieder!“ Und dann ist es doch wieder passiert. Wie hat Albert Einstein angeblich gesagt: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Ähm ja…

Mein Angsthasen-Dasein hat’s nicht leichter gemacht. Denn Veränderung ist gruselig. Und ganz ehrlich: Ich muss mich echt zusammenreißen, trotz „Erkenntnis“ nicht wieder dem gleichen Muster zu folgen. Heißt in meinem Fall: Nicht wieder nur an der Selbstständigkeit arbeiten. Sondern in erster Line an mir selbst. Mich mit meiner Krankheit auseinandersetzen, mich um meine Gesundheit kümmern, Therapie machen.

Zum Schluss möchte ich noch festhalten: Nicht alle Menschen mit Borderline-Störung sind so doof wie ich und müssen 10mal gegen die gleiche Wand rennen, um zu checken, dass da eine Wand ist. Und sie vielleicht mal einen anderen Weg ausprobieren sollten. Zudem gehen auch viele Menschen mit psychischer Erkrankung arbeiten und kriegen ihr Leben ansonsten auch ganz gut auf die Reihe.

Ich geh‘ in’s Bett!

Liebe Grüße,
Angsthäsin

Memento mori

„Sei dir der Sterblichkeit bewusst!“ Ich bin mir meiner Sterblichkeit gerade sehr bewusst. Und habe Angst.

In den letzten 5 Jahren lag ich insgesamt 7mal mit einer Medikamentenüberdosis auf der Intensivstation. Man könnte meinen, so, wie ich all die Jahre mit meinem Leben umgegangen bin, so oft wie ich in Suizidgedanken geschwelgt habe, bedeutet mir mein Leben nichts. Tut es aber anscheinend doch.

Noch im November letzten Jahres wollte ich keine Fortsetzung mehr. Denn meistens kommt die Fortsetzung ja eh nicht an den ersten Teil heran. Ich hatte das Gefühl, mein Leben gelebt zu haben. Ich habe, trotz Borderline, auch viele schöne Erfahrungen im Leben gemacht. Und ich habe so unglaubliche Angst vor dem was noch kommt. Das war glaube ich Hauptbestandteil dieses Gedankenkonstrukts: Dass ich Angst habe, vor dem was noch kommt, dass ich es nicht kontrollieren kann und mich dem auch nicht gewachsen fühle. Mein Angsthasen-Dasein. Und deshalb erschien mir ein geplantes, selbstbestimmtes Ableben irgendwie sicherer, kontrollierbarer, harmloser. Ich weiß nicht ob die Vergangenheitsform angebracht ist, denn eigentlich finde ich den Gedanken, mich dem unkontrollierbarem Leben zu entziehen immer noch ziemlich beruhigend.

So, nun habe ich mich aber vorerst doch für die Fortsetzung entschieden. Und jetzt kommt diese beschissene Angst.

Durch „Zufall“ habe ich mich mit den Geschichten junger Menschen beschäftigt, die an Krebs erkrankt waren/sind. Einige sind daran gestorben. Und das war so schlimm und hat mich zu tiefst bewegt. Zwangsläufig kam die Frage: „Wie würde ich mit so einer Situation, mit so einer Krankheit umgehen?“

Meistens lautete die Botschaft, welche diese Menschen hinterlassen: Genieße dein Leben, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, du weißt nie, wie viel Zeit dir noch bleibt. Und das ist absolut richtig, wahr und wichtig.

“The trouble is, you think you have time.”

― Jack Kornfield

Wie oft denkt man: „Irgendwann…“ Man denkt immer, man hätte noch Zeit. Aber alles kann so schnell vorbei sein.

Gleichzeitig hat mich diese Botschaft aber auch vor ein Problem gestellt: Ich kann mein Leben oft nicht genießen. So sehr ich mich auch bemühe, ich versuche es, jeden Tag. Aber oft gelingt es mir nicht. Und das führte zu dem nächsten Gedanken: Eigentlich hätte ich es viel mehr „verdient“ an Krebs zu sterben, als diese lebensbejahenden Menschen.

Scheiß Gedanken. Scheiß Gefühle. Und seit ich mich so intensiv mit dem Tod und Krebserkrankungen beschäftigt habe, schiebe ich nur noch Panik und bin mehr oder weniger davon „überzeugt“, dass ich Krebs habe oder bald bekommen werde. Und daran sterbe.

Ich muss zu meiner „Verteidigung“ anbringen, dass es in meiner Familie sehr viele Krebserkrankungen gab. Die Schwester meiner Mama, der ich so ähnlich bin, so dass mich meine Oma oft mit ihrem Namen angesprochen hat (und von der ich wohl auch die „Borderline-Gene“ übernommen habe), starb mit 28. Die andere Schwester meiner Mama starb ebenfalls an Krebs, ich glaube sie war an die 40. Mein Opa ist an Magenkrebs gestorben. Und 2018 hatte meine Mama einen Tumor, was mich extrem mitgenommen hat. Auch damals „wusste ich“, dass es Krebs ist, obwohl die Ärzte zuerst etwas anderes diagnostiziert hatten. Und dieses „Unwissen“, was ist Wirklichkeit, was ist meine beißende Verlustangst und einfach nur Einbildung, hat mich schier in den Wahnsinn getrieben.

Auch jetzt kann ich es nicht auseinanderhalten, was ich mir einbilde und was Wirklichkeit ist. Seit gestern habe ich Schmerzen im Unterbauch. „Gebärmutterhalskrebs.“, sagt mein Kopf.

Aber etwas Gutes hat die Angst: Sie spornt mich an. Sie spornt mich an, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich rauche seit 20 Jahren. Viel zu viel.

Sie spornt mich an, zum Frauenarzt zu gehen. Ich war erst einmal in meinem Leben beim Frauenarzt. (Und ich bin keine 16, sondern 32).

Sie spornt mich sogar an, mir eine Therapie zu suchen. Weil diese Angst mich wahnsinnig macht und ich es trotz aller Bemühungen nicht schaffe, halbwegs entspannt und halbwegs glücklich zu leben.

Und zum Schluss ein kleiner Appell an alle, die das hier lesen (und auch an mich selbst): Kümmere dich um deine Psyche, um deinen Körper und deine Gesundheit! Geh‘ zu Vorsorgeuntersuchungen. Versuche jeden Tag, jede Stunde, jede Minute so achtsam wie möglich zu leben. Mach, was dich glücklich macht. Genieße die Zeit mit deinen Liebsten. Genieße dein Leben. So gut es geht.

Memento mori. Du weißt nie, wie viel Zeit dir noch bleibt.

Liebe Grüße,
die Angsthäsin


„The trouble is, you think you have time!“ – Jack Kornfield

Partners in crime

Mein Hausarzt und ich. Fast 20 Jahren kennen wir uns nun schon. Kennengelernt habe ich ihn mit 13, da kam er zu mir nach Hause als ich dachte, ich muss an Regelschmerzen sterben. Zu ihm bin ich gegangen, als ich das erste mal eine selbstzugefügte Wunde habe nähen lassen, da war ich 17. Danach folgten noch viele weitere Male. Wunden zu nähen ist für einen Hausarzt wohl auch nicht alltäglich, durch mich hat der gute Doktor A. wohl etwas Routine bekommen. Eigentlich ist kein Doktor, denn er hat keine Doktorarbeit geschrieben. Ich nenne ihn aber trotzdem so.

Das Gute ist: Er hat nie viele Fragen gestellt. Ich habe ihm gesagt, was ich brauche, er hat’s gemacht. Das hat es mir möglich gemacht, mir überhaupt Hilfe zu holen. Das Schlechte ist: Er hat nie viele Fragen gestellt. Das hat dazu geführt, dass zwar meine Wunden versorgt waren und ich Medikamente hatte, mehr aber auch nicht.

Und ja, Doktor A. verschreibt mir auch meine Medikamente. Antidepressiva und Benzodiazepine. Wie ich damit umgehe, regel ich im Alleingang. Mit den Benzodiazepinen ist das bisweilen so ne Sache. Einen Psychiater habe habe ich nicht. Unvernünftig, ich weiß.

Man kann von meinem Doktor A. halten was man will… Klar könnte er mehr tun als Medikamente verschreiben und Wunden zunähen. Trotzdem bin ich froh, dass ich ihn habe. Weil ich sonst vielleicht gar nicht zum Arzt gehen würde.

Es fällt mir schwer um Hilfe zu bitten. Es fällt mir allgemein schwer um IRGENDETWAS zu bitten. Selbst zu Doktor A. zu gehen bereitet mir schon Schwierigkeiten. Obwohl ich ja weiß, dass ich vor diesem Menschen keine Angst haben muss und auch das Praxisteam super lieb ist. Ich glaube, das Problem ist eher mein Angsthasen-Dasein, meine Angst vor dem „um etwas bitten“.

Am Dienstag war ich dann aber doch. Weil mir das Fluctin (Antidepressiva) ausgegangen ist. Dafür musste ich nur zur Anmeldung und mir ein Rezept ausstellen lassen. Weil ich aber gerade ne halbe Benzo intus hatte und deswegen etwas mutiger und weniger befangen war, habe ich mir einen Termin bei Doktor A. geben lassen.

Bei meinem letzten Psychiatrie-Aufenthalt im November/Dezember 2019 wurde ein B12-Mangel festgestellt. Und so ein Mangel kann sehr vielfältige Auswirkungen haben: Muskelschwäche, Sensibilitätsstörungen, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depression usw. Teilweise können die Symptome sogar irreversibel sein, daher schon wichtig, das in den Griff zu kriegen.
Mir wurde also während meines Aufenthalts B12 gespritzt. Und eigentlich hätte ich das auch nach der Entlassung fortführen sollen. Hab ich aber nicht. Weil’s mir wieder so unangenehm war zum Arzt zu gehen. Donnerstag hatte ich dann den Termin und hab mich natürlich schon seit Dienstag deswegen verrückt gemacht. Letztendlich hab ich am Morgen vor dem Termin wieder ne halbe Benzo genommen, weil ich das Gefühl hatte, ich schaffe es sonst nicht hinzugehen. Im Endeffekt war die Sache in 3 Minuten erledigt. Spritze rein und fertig. Und wie ich’s von Doktor A. gewöhnt bin, kamen auch keine Fragen bezüglich meines Zustands.

Jetzt muss ich 1mal wöchentlich hin, das Spritzen übernimmt dann aber eine der Arzthelferinnen. 3 Wochen lang, dann nur noch monatlich. Ich hoffe ich krieg’s gebacken. Weil ja, ich fühl mich müde und bin oft depressiv. Von was das kommt und ob das B12 dabei eine Rolle spielt weiß ich natürlich nicht. Aber es kann auf jeden Fall nichts schaden, diesen Mangel zu beheben.

Doof, aber Realität: Laboruntersuchung diesbezüglich übernimmt die Krankenkasse in der Regel nicht. (Also man kann es versuchen, wenn es einen „begründeten Verdacht“ gibt, ist aber oft mit viel Hickhack verbunden.) Versteh ich nicht und macht mich auch wütend, weil es ja doch ganz erhebliche Mangelerscheinungen gibt, die sehr unspezifisch sind.

Hier findet ihr ein paar Infos zwecks der Kosten und einer eventuellen Kostenübernahme: https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/vitamin-b12-bluttest-kosten

Meist muss man Ärzte auch ganz konkret darum bitten, den B12-Spiegel zu überprüfen. Gerade wenn noch nie abgeklärt worden ist, wie hoch (oder niedrig) euer B12-Spiegel ist, ist es definitiv eine sinnvolle Investition in die Gesundheit. Ich möchte jedem an’s Herz legen, einmal so einen Test machen zu lassen.

Bei veganer/vegetarischer Ernährung und Essstörungen ist das Risiko hoch, einen B12 Mangel zu entwickeln. Aber auch bei Menschen, die sich ganz normal ernähren kann es zum B12-Mangel kommen.

Das gleiche gilt übrigens für Vitamin D3 (besonders im Winter). Ist nicht verkehrt, das in den Monaten, in denen man weniger draußen ist, zu substituieren. Ist unkompliziert, nicht mega teuer und euer Körper & die Psyche danken es euch!

Liebe Grüße,
die Angsthäsin

B12-Ampulle

Aller Anfang…

… ist schwer? Oder leicht? In meinem Fall gerade irgendwie beides.

Ich habe also beschlossen, einen Blog zu schreiben. Und sitze nun vor einer (fast) leeren, weißen Seite, die gefüllt werden möchte, sollte, könnte, müsste. Also, gut festhalten, es geht los.

Seit vorgestern spukt der Gedanke mit dem Blog in meinem Kopf herum. Gestern habe ich dann meinen alten wordpress-Account reanimiert und angefangen diese Seite zu basteln. 2013 wollte ich schon mal einen Blog schreiben, mit einem anderen Thema. Daraus geworden ist leider nix und die Seite dümpelt nun neben Millionen anderer Blog-Leichen im Netz umher. Und die Chancen stehen gut, dass dieses Exemplar es auch nicht weit bringen wird. Gerade bin ich voller Euphorie, habe schon einen Instagram-Account und eine Facebookseite erstellt. Aber: Es wäre nicht das erste Mal, dass ich etwas starte und kurz das Interesse und/oder der Durchhaltewille flöten geht. So bin ich. Und vielleicht, ja vielleicht ist dieser Teil meiner Persönlichkeitsstruktur ganz typisch für das, um was es in dem Blog gehen soll. Es geht um Borderline. Und um mein Angsthasen-Dasein. Beides ist uncool. Deswegen schreibe ich darüber.

Ich habe also Borderline. Obwohl „haben“ irgendwie falsch klingt. „Haben“ klingt so nach „Besitz“. Mein Haus, mein Auto, meine Störung.
Ich könnte auch schreiben, ich leide an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Aber „leiden“ klingt so überaus wehleidig und irgendwie gefällt es mir nicht. Aber ja, Borderline ist und bleibt eine Krankheit. Und Krankheiten sind irgendwie auch dafür bekannt, dass sie einen in der Regel nicht mit Wohlgefühl überschütten, sondern eher von unangenehmer Natur sind. Manchmal geht’s mir auch wirklich beschissen damit. Aber eben auch nicht immer.

Also, die Diagnose bzw. die Krankheit „Borderline“ – mit all ihren überaus vielfältigen Gefühls- und Verhaltensmustern – ist Teil meines Lebens. Ich glaube, mit dieser Formulierung kann ich leben.

WER ich bin, WARUM ich diesen Blog schreibe und WAS ich gedenke zu schreiben, erkläre ich jetzt nicht hier, sondern widme dem ganzen eine extra Seite. Und deshalb, fang ich im nächsten Beitrag einfach mittendrin an und berichte euch von meinem Leben und meinen Alltag als Angsthase mit Borderline.

Liebe Grüße,
die Angsthäsin